KARL OVE KNAUSGÅRD
'So viel Sehnsucht auf so kleiner Fläche'
Als ich vier, fünf Jahre alt war, begriff ich allmählich, dass Zeit vergeht, weil ich mich daran erinnern konnte, was ich erlebt hatte. Wenn Zeit vergeht und ich mich verändert habe, kann ich auch verschwinden. Ich kann an das Ende der Zeit gelangen. Denn der Mensch ist nicht ewig. Damit entsteht der Tod. Augenblicklich, als eine Verknüpfung, wenn ich sein und mich daran erinnern kann, dass ich bin, dann kann ich auch nicht sein. Darüber habe ich danach viel nachgedacht. Seither haben meine Erinnerungen mich fasziniert. Ich romantisiere die Vergangenheit sehr. Weil die Vergangenheit ein Ort ist, an dem ich die Kontrolle habe. Ich kann in ihr nicht sterben, weil ich sie überlebt habe. Ich war da, ich erinnere mich daran. Und ich weiß, wie es ausging. Ich habe Angst vor dem, was mich treffen wird, ich habe Angst vor dem, was ich nicht weiß, ich habe Angst vor der Zukunft. Ich arbeite mich daran
ab, gegenwärtig zu sein, im Augenblick zu leben. Aber retrospektiv schaffe ich es. Und wenn ich etwas produziere, gelingt mir das auch manchmal. Wenn ich filme, weiß ich, was ich
hier mache, wird auch außerhalb meiner selbst existieren. Dass es Zeit braucht: der Film und die Erinnerungen sind als Format miteinander verbunden. Bei Melancholie geht es
ja auch um Erinnerung, und um Vergänglichkeit. Ich finde, das ist mystisch, das gehört zu den Dingen, die mir am meisten bedeuten. Die Erinnerungen sind Identität, das ist es, was wir zu sein glauben.